Was machst du gerade?
14. September 2008
Jane Wakefield bloggt. Jane Wakefield ärgert sich über unfähige Autofahrer. Jane Wakefield denkt, dass schlechte Menschen von Gott mit blöden Frisuren bestraft werden. Jane Wakefield mag Bio Dinkelpops. Jane Wakefield singt „Football’s coming home“. Jane Wakefield denkt an eine Zahl zwischen 1 und 10. Jane Wakefield putzt ihre schlammverdreckten Festivalschuhe. Jane Wakefield… tut dies und tut das und tut jenes – und vor allem verkündet sie es tagtäglich der ganzen Welt. Oder zumindest all ihren Online-Freunden bei Facebook. Tönt irgendwie krank – ist mittlerweile aber Rea- und Normalität. Endlich können wir per Statusmeldung alle unsere alltäglichen Nichtigkeiten mit unserem Umfeld teilen, können verkünden, wann wir den Abwasch machen und wann wir uns die Haare föhnen. Und irgendein Trottel liest es bestimmt, oder kommentiert es im besten Fall sogar noch: „Lustig, ich habe mir auch gerade die Haare geföhnt.“ So schön – unser Leben verläuft fast parallel, das muss wahre Freundschaft sein!
So schenkt uns Facebook vermeintliche Nähe zum sozialen Umfeld und nebenbei auch eine Bühne für unser alltägliches Leben. Jeder ein kleiner Star in seiner eigenen Alltagssitcom – Jane Wakefield’s Wege zum Glück, Episode 32… Und ganz viele schauen zu bzw. lesen mit. So hat man auch endlich die gewünschte Quantität an Zuspruch nach einer bestandenen Prüfung, oder kann sich gemeinsam mit hundert Anderen über das Debakel der Schweizer Nati gegen die Kleiderverkäufer und Heizungsmonteure aus Luxembourg ärgern. Solche Ereignisse lassen dann auch die Anzahl der Freunde, die online sind, in die Höhe schnellen; nebst den einsamen verregneten Sonntagen, die sonst Spitzenreiter sind. So bietet Facebook eigentlich die ideale Plattform für sozialkritische Gesellschaftsstudien – wann suchen die Menschen soziale Kontakte, wann wollen sie sich austauschen oder ihre Meinung kundtun? Ein Login bei Facebook genügt, und das Lesen von Gesellschaftsstudien erübrigt sich.
Was hier alles etwas negativ daher kommt, hat aber durchaus auch seine guten Seiten, finde ich. Und muss ich ja fast finden, denn schliesslich bin ich auch mehr oder minder intensiver Nutzer dieser Plattform. Das Beste ist ja, dass ich dort sogar meine neusten schriftlichen Ergüsse publizieren und so noch ein zwei Blogleser mehr erhaschen kann. Das Zweitbeste ist der – im Vergleich zu SMS kostenfreie – Kurzkontakt und Infoaustausch mit Freunden (die auch im realen Leben Freunde sind..). Das Drittbeste ist das Auffinden alter Bekanntschaften – wobei Auffinden meistens nicht mit Auffrischen einhergeht. Aber zumindest wiedermal ein „Hallo, wie geht’s?“ gesendet, falls man von der Person doch plötzlich nächste Woche noch was braucht, weil sie ja, wenn man’s noch richtig im Kopf hat, bei dieser Firma arbeitet und dort gratis an nigelnagelneue Handys rankommt, was zufälligerweise momentan grad sehr praktisch ist, weil das eigene just letzte Woche vor die Hunde ging.. oderwieauchimmer.
Alle guten Dinge sind drei.. Da macht sich ein „Viertbestes“ an dieser Stelle wohl eher schlecht. Nun denn, nennen wir es daher der Formschönheit halber einfach den „positiven Nebennutzen“. Also, der positive Nebennutzen dieser grassierenden Facebookmanie liegt meiner Meinung nach in der Förderung der Ausdruckskreativität im Alltag, kurz FdAiA. (Abkürzungen sind immer wichtig, wenn man eine Theorie wissenschaftlich erhärten will!). Leider machen nur ganz wenige Facebooker von der Möglichkeit der FdAiA Gebrauch. Dies schlägt sich dann in Statusmeldungen, wie z.B. „ist müde“ oder „geht jetzt Kaffee trinken“ nieder. Dabei wäre die Statusmeldung die ultimative Gelegenheit sich seinen witzigen Gedanken oder seinen alltäglichen kreativen Ausbrüchen hinzugeben, und mal etwas schräges, oder etwas humorvolles, etwas künstlerisches oder etwas sprachlich farbenfrohes von sich zu geben. Oder ist es tatsächlich möglich, dass das Leben gewisser Leute so langweilig ist, wie es in den Statusmeldungen daherkommt?
Wie dem auch sei, in diesen kurzen Meldungen liegt jedenfalls viel Kreativitätspotential. Um die FdAiA voranzutreiben, schlage ich daher etwas ausserordentlich Revolutionäres vor: Kreative Statusmeldungen müssen honoriert werden! Daher, liebe im Geld schwimmende Facebook-Erfinder, tut mal was Gutes für die Menschheit und führt bei den Statusmeldungen ein Bewertungssystem ein. Ich will Sterne verteilen können, oder Kreativitätsmedaillen oder was auch immer. Anreize schaffen, heisst das Zauberwort. Anreize gegen das Langweilertum, Anreize für eine kreativere Welt!
Entry Filed under: Dies + Das, Politik + Gesellschaft. Schlagworte: facebook, statusmeldung.
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1.
monsieur fischer | 17. September 2008 at 23:24
… trinkt gerade eine dose uludag citro… !
hihihi.. sehr schön geschrieben. freut mich dass die muse (und du mit ihr) wieder zurück bist im welteweiten web!
2.
dinu | 6. November 2008 at 8:39
das esch doch sehr schön formuliert
3.
Brige | 17. Dezember 2008 at 15:24
get jetzt do grad en kommentar ab ond gratuliert der zo dinere hervorragende dütsche usdruckwies. dörf ich dech verlinke?